Mein Zeitstrahl

Wie ich wurde was ich bin

Bild zeigt den Autor Rudi Jagusch

Lesen! Was für ein Genuss. Schon als kleiner Rabauke konnte ich mich dem Sog von spannenden Geschichten nicht entziehen. Alles fing mit 1000 und einer Nacht an, vorgelesen von meinem Opa. Später dann, als ich die Buchstaben selbst zusammensetzen konnte, folgten Petzi, Donald, Superman, Batman und zahlreiche andere Comics. Dann erwachte meine Leidenschaft zur Science Fiction. Mann, wie oft war ich auf fernen Planeten unterwegs, bin mit Raumschiffen durch ferne Galaxien gedüst, habe fremde Zivilisationen kennengelernt.

 

Irgendwann zu dieser Zeit erwachte bei mir der Wunsch, selbst zu schreiben. Gesagt, getan. Eine alte, mechanische Schreibmaschine war mein erstes Handwerkszeug. Anstrengend, abends taten mir die Finger weh, die Gelenke schwollen an. Doch egal, der Output tröstete mich darüber hinweg. Leider existiert diese Fassung meines Erstlings nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass es sich um einen Atomkrieg handelte, der einige hundert Menschen in den Untergrund trieb. Dort mussten sie zu einer neuen Struktur zusammenwachsen, was selbstverständlich nicht ohne Konflikte abging.

 

Was für eine schöne Zeit. Schule und Schreiben, dazwischen auch ein wenig Fußball. Ach was, von wegen wenig. Ich war die lebende Lunge. Wir spielten mit 4 Mann auf einem normalen Sportplatz 2 gegen 2. Das sagt doch alles. Dann holte mich der Alltag ein, die gesellschaftlichen Erwartungen, der Leistungsdruck, und ja, der angenehme Part einer liebevollen Beziehung. Aber der Reihe nach. Zunächst eine Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker. Und da ich den "Furz" im Kopf hatte, studieren zu wollen, besuchte ich die Abendschule, das Fachabi musste schließlich sein. Als ich alles in der Tasche hatte, rief der Staat. Ich verweigerte die Waffe und ging als Zivi in die individuellen Schwerstbehindertenbetreuung. Eine sehr interessante Zeit, in der ich viel im Umgang mit Hilfebedürftigen lernen konnte.

 

Als ich damit fertig war, verspürte ich keine Lust mehr auf ein Ingenieurstudium. Stattdessen besuchte ich wieder die Abendschule und eroberte nach 4 Jahren den Industriemeister zur Meß- und Regeltechnik. Ach ja, geheiratet hatte ich zwischendurch auch. Und ich möchte vorgreifen: Die Ehe hält bis heute, ich bin glücklich und immer noch verliebt. Mit 27 Jährchen auf dem Buckel war ich dann fertig. Das Schreiben war in dieser Zeit weit weg, eine angenehme Erinnerung an die Jugend, mehr nicht.

 

Also 27.

 

War das nicht zu früh, um nur noch jeden Tag zur Arbeit zu laufen und 8 Stunden später Feierabend zu machen? 5 Tage die Woche, jahrein, jahraus? Damit wollte ich mich nicht zufrieden geben. Ich entschied mich, den Job zu wechseln und neu anzufangen. Ich studierte an der FH in Köln Diplomverwaltungswirtschaft. Ja, ein radikaler Umbruch, aber ich wollte etwas Neues kennenlernen, daher vom Handwerk in die Verwaltung. Es funktionierte. 3 Jahre später hatte ich mein Diplom in den Händen. Jetzt hätte ich eigentlich wieder Zeit gehabt, mit dem Schreiben zu beginnen.

 

Doch ich setzte andere Prioritäten.

 

Ein Haus, zwei Kinder, Karriere. Alles sehr zeitintensiv und mitunter nervenaufreibend. Aber nicht falsch verstehen, es war nichts, was ich rückblickend bereue, ganz im Gegenteil. Es füllte mich aus, ich war glücklich, schaffte es doch auch die Basis -einen sicheren Hort, und eine finanzielle Sicherheit- für ein unabhängiges Schreiben. Und dann, eines Tages im Dezember 2003 flashte mich der Gedanke: "Jung, du könntest doch wieder schreiben." Plötzlich war der Wunsch wieder da, nein, mehr: ein Verlangen, Papier zu füllen, Geschichten zu erfinden, um Menschen zu unterhalten. Mit Kurzgeschichten legte ich los, 2006 setzte ich mich an meinen ersten Roman. Ich lernte viele schreibende Kolleginnen und Kollegen kennen, eine tolle Zeit. 2007 erschien mein Debüt "Leichensabbat", jährlich folgten weitere Romane.

 

Ich bestritt meine ersten Lesungen.

 

Das Lampenfieber stülpte meinen Magen auf links, doch ich hielt durch, rannte nicht davon, bestieg die Bühne, las vor, genoss den Applaus. Was für ein Erlebnis! So glitt ich immer mehr in die Welt der Schriftstellerei. Ich ließ mich beurlauben und ging auf Recherchetouren. Auslandsaufenthalte in London, Edinburgh, Stockholm, und Schweiz folgten, um nur einige zu nennen. Hätte ich ein wenig mehr Talent für eine Fremdsprache, wäre ich vielleicht in Schottland hängengeblieben. Aber leider ist auf dieser Ebene mein Gehirn löchrig wie ein Sieb. Ich kann mir keine drei Minuten eine neue Vokabel merken.

 

So kehrte ich immer wieder zurück an den Rhein, ins Rheinland, wo das Wetter im Sommer schwül und im Winter selten frostig ist. Ein Olivenbaum in meinem Garten, den ich hege und pflege wie meine Augäpfel, ist Zeuge des milden Klimas vor meiner Haustür. Und hier schreibe ich. Jeden Tag, meine Leidenschaft ist zu meinem Beruf geworden. Ich bin glücklich mit meiner geliebten Frau, ich bin stolz auf meine Kinder. Von mir aus kann es noch Jahrzehnte so weitergehen.

 

Das Leben ist schön.

 

Kann es ein schöneres Fazit geben?