#18 Push It! Feedback

Feedback zu deinen Lesungen kann man grob in zwei Bereiche einteilen:

 

»Opfer«

»Täter«

 

»Opfer« bedeutet: Du erhältst Feedback, obwohl du nicht darum gebeten hast. Du wirst damit überfallen. Bist du als »Täter« unterwegs, suchst du dir deine Opfer, die dich und deine Lesung bewerten sollen. Ja, ich weiß, die Kategorisierung ist ziemlich plakativ, aber nichtsdestoweniger bezeichnend.

 

Als »Opfer« stolperst du unvorbereitet in die Situation.

 

Irgendjemand hält dich auf und gibt seinen Senf dazu. Senf kann sehr lecker schmecken, aber auch so richtig fies sein. Egal wie die Kritik aussieht, hör sie dir an, ohne groß zu kommentieren. Dein Gegenüber will eine Botschaft senden, dann lass ihn auch, zumindest so lange es nicht unter die Gürtellinie geht. Was soll dir schon dabei passieren, außer, bestenfalls einen Erkenntnisgewinn zu erlangen? Ja, vielleicht kannst du etwas daraus ziehen, möglicherweise auch nicht. Das bewertest du erst zu einem späteren Zeitpunkt, für dich, im stillen Kämmerlein.

 

Denn Kritik muss tief inhaliert werden.

 

Sie muss Zeit haben, sich zu setzen, damit sie in den richtigen Kontext gebracht werden kann. Vermeide daher Schnellschüsse am Veranstaltungstag. Die wären kontraproduktiv und vermutlich am Kern der Sache vorbei. 

Bild zeigt zwei Personen im Diaolog

Die »Täterrolle« ist ein ganz anderes Ding. Hier hast du die Fäden in der Hand, der Feedbackgeber hat die Lizenz, dir seine Meinung zu sagen. Du gehst aktiv und gezielt vor, bestimmst das Thema, zu dem du eine Antwort erwartest. Du WILLST dich bewerten lassen, damit du daraus Schlüsse ziehen kannst, wo und wie du dich steigern könntest. Zunächst ein guter Ansatz … der sich aber rasch ins Gegenteil verkehren kann.

 

Jetzt runzelst du die Stirn, ich kann es sehen.

 

Wie kann sich so etwas negativ auswirken, fragst du dich? Nun, es gibt ein paar Dinge, die du beachten musst, solltest du tatsächlich ein so heroisches Ziel verfolgen.

 

Zum einen solltest du ehrlich zu dir sein. Du weißt, dass deine Aussprache erstklassig ist, deine Buchstaben und Silben geschliffen scharf über deine Zunge flutschen? Trotzdem beauftragst du dein »Opfer«, genau darauf zu achten? Um dir hinterher ein Feedback zu geben, welches dich nicht überraschen wird?

 

Alles klar, du bist in die „Vanityfalle“ gestolpert.

 

Du weißt, du bist in diesem Punkt unschlagbar, und genau das soll dein Gegenüber bestätigen. Damit du dich gut fühlst und du dir mit einer lässigen Handbewegung affektiert durch dein Haarschopf streichen kannst. Das ist doch Bullshit! Wie soll dir solch ein Mist helfen, besser zu werden? Das hilft nur deinem Ego, sonst ist es für überhaupt nichts gut. Lass den Quatsch sein, an so etwas solltest du nicht einmal denken. Raube deinem »Opfer« damit nicht seine Zeit.

 

Weiter geht es. Die „Vanityfalle“ steht direkt neben der „Friendlyfalle“.

 

Du wirst schon gehört haben, dass du als Autor/-in darauf verzichten solltest, Testleser in deinem direkten Umfeld zu rekrutieren. Also niemals Freunde oder nahe Bekannte/Verwandte. Das gilt auch für die Einschätzung deiner Leistung bei Lesungen! Deine Eltern sind für ein ehrliches Feedback nur in den seltensten Fällen geeignet. Sie sind stolz auf dich, wenn du auftrittst. Ihre Gefühle beeinflussen unterbewusst ihre Wahrnehmung. Und sollten sie doch zu der Erkenntnis kommen, dass da viel Luft nach oben ist, dann werden sie es dir bestenfalls (!) durch die Blume zu verstehen geben. Das richtig zu dechiffrieren dürfte schwierig, wenn sich sogar unmöglich sein. Also lass es. Ein delphisches Orakel würde einfacher zu entschlüsseln sein.

 

Zum Schluss betrachten wir die „La-la-la-Falle“.

 

Nehmen wir an, du hast alles richtig gemacht und eine Person beauftragt, die kein Blatt vor den Mund nehmen wird und dir reinen Wein einschenkt. Sie legt los … und schon nach den ersten Sätzen bemerkst du, dass deine eigene Einschätzung deiner Leistung weit von dem abweicht, was dir im Feedback wiedergegeben wird. Du hörst also etwas, was du nicht erwartet hast, worauf du nicht gefasst warst. Du willst das eigentlich gar nicht hören, steckst daher mental die Zeigefinger in die Ohren und singst »La-la-la« damit du nicht weiter zuhören musst. Oh, unser Gehirn ist perfekt, es bringt das fertig, ohne dass du überhaupt die Arme heben musst. Fünf Minuten, zehn Minuten, und dann endet das Lied und du hast nichts mitbekommen, was gesagt wurde. Psychisch ist die Sache klar wie Kloßbrühe: Bevor du irgendwie Schaden nimmst, hast du (vielleicht sogar unterbewusst) dicht gemacht. Chance vertan.

 

Fassen wir zusammen, was für ein dir nützliches Feedback gegeben sein muss:

 

  • Die richtige Person aussuchen (diese Person muss frei Kritik üben können und dürfen und weitestgehend nicht mit dir verbandelt sein)
  • Ehrlichkeit (betrüge dich nicht selbst)
  • Offenheit (sei offen für alles)
  • Aktiv Zuhören können (gerade auch dann, wenn es unangenehm wird)
  • Fallen umgehen (Vanityfalle, Friendlyfalle, La-la-la-Falle)

 

Das bekommst du hin, oder? Ich zähle auf dich!