#17 Push It! Eröffnung

Erfahrungsgemäß sind die ersten Minuten deines Auftritts die, die man am Schlimmsten empfindet. Fast alle Kolleginnen und Kollegen, die ich danach gefragt habe, wann sie am meisten Lampenfieber verspüren, haben mir das genau so berichtet. Ist man erst gut in die Lesung eingestiegen, verfliegt die Aufregung fast wie von allein. Und ich kann dem nur zustimmen. Somit solltest du dir gut überlegen, wie du die ersten Minuten überbrückst, um in deinen Flow zu kommen.

 

Das Gute zuerst: Dein Text liegt immer vor dir. An ihm kannst du dich festhalten.

 

Solltest du kein Wort zur Begrüßung herausbringen, nicht wissen, was du sagen sollst, sobald du die Bühne betrittst, also einen absoluten Black-Out haben, dann: Lies! Lese dich in deine Lesung hinein! Ja, du darfst mit dem Text beginnen, du darfst ihn quasi als Prolog für deine Veranstaltung nutzen. Lies einige Minuten, lese dir die schlimmsten Lampenfieberminuten einfach weg. Und weitet sich dabei dein Blick, der Black-Out zieht sich zurück, wird zum Grey-Out, dann zum Color-In, dann, ja dann, löst du dich vom Text und begrüßt das Publikum. Das ist eine durchaus legitime »Masche«.

 

Gut, den „Worst Case“ haben wir besprochen, du weißt jetzt, wie du mit einem Black-Out umgehst. Jetzt einige Alternativen:

 

• Schildere deine Anreise. Gehe dabei auf lokale Spezialitäten ein. Damit beginne ich gerne. Passiert mir unterwegs auf dem Weg zur Veranstaltung etwas, dann erzähle ich das. Zum Beispiel wie mich das Navi fast mal in einen Schlagbaum hat fahren lassen. Hinter dem Schlagbaum war es bis zum Lesungsort noch knapp 5 Kilometer. Ich musste dann aber einen anderen Weg wählen, der sage und schreibe an die 20 Kilometer weiter war. Zu allem Überfluss war dann noch eine Brücke gesperrt, und der Umweg über die Ausweichstrecke brachte nochmal 4 Kilometer zusätzlich. Das alles habe ich dem Publikum bei meiner Eröffnung erzählt und kam direkt ins Plaudern. Es zeigte sich, dass die ZuhörerInnen von der Verkehrssituation auch alle genervt waren. Wir waren ab der ersten Minute eine Leidensgemeinschaft, und Gemeinschaft verbindet. Steckt ja irgendwie im Wort, nicht wahr?

 

• Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten kommen immer gut an. Die Leute mögen es, wenn du ein wenig über die Dinge vor Ort Bescheid weißt. Damit lässt sich gut einsteigen. In Remscheid würde ich vermutlich Herrn Röntgen bemühen, in Hainichen den Fabeldichter Christian Fürchtegott Gellert. Zu zeigen, dass man nicht nur wegen der Lesung angereist ist, sondern sich auch für das Umfeld interessiert, gefällt den Zuhörerinnen und Zuhörern, da kannst du sicher sein. So kannst du sie für dich erwärmen.

 

• Solltest du neben dem Schreiben ein weiteres Talent haben, dann nutze es. Singst du, dann kannst du ein Lied vorweg trällern. Vielleicht legt sich damit dein Lampenfieber besser, als mit dem Publikum zunächst plaudern zu »müssen«. Du bist ein begnadeter Zauberkünstler? Dann »trickse« vorweg etwas. • Dir ist an dem Lesungstag etwas Interessantes passiert? Dann erzähle darüber. Alles ist erlaubt, solange du deinen roten Faden (deinen Text) nie aus den Augen verlierst.

 

• Über das Wetter redet jeder. Warum nicht auch du?

 

• Ich stelle zur Eröffnung gerne Fragen , z.B. »Hand aufs Herz: Wer kennt mich?« Je nachdem, ob viele oder wenige aufzeigen, kann man anschließend wunderbar darauf reagieren. Bei wenigen zum Beispiel: »Die anderen werden mich heute kennenlernen, he, he.« Oder ich frage: »Wer ist heute freiwillig hier?«. Dabei sollten alle aufzeigen, oder nicht? Ein wenig Aktionismus und Lacher holt dein Publikum aus dem Dämmerschlaf.

Bild zeigt das Wort Start

• Erzähle deinen Werdegang. Dabei kannst du kaum was falsch machen, du kennst dich schließlich am Besten. Aber bitte nicht bierernst, sondern eher humorig. Nimm dich dabei nicht selbst zu wichtig. Das werden die Zuhörinnen und Zuhörer mögen.

 

• Erzähle über die Entstehungsgeschichte deines Buches. Über die Hürden und Klippen, die du meistern musstest. Und wie du das geschafft hast. Menschen wollen Heldengeschichten hören. Sei ihr Held.

 

Jetzt noch ein ganz wichtiger Rat:

 

Niemals das, was du erzählst, von einem Zettel ablesen.

 

Das habe ich schon bei Lesung erlebt. Schrecklich!  Ich konnte die Romantextstellen kaum von den erzählten Dingen unterscheiden. Es war absolut ermüdend, und es hörte sich unprofessionell an. Dein Publikum erwartet, dass du das, was du zu berichten hast, frei erzählen kannst. Zu recht! Wie authentisch wirkst du denn, wenn du deine Erlebnisse von einem Blatt Papier ablesen musst? Hinzu kommt, dass - wie oben schon angedeutet - sich deine Lesestimme von deiner Erzählstimme unterscheidet. Variierst du, dann schaffst du Hör-Abwechslung. Das ist gut, das hilft gegen Langeweile.

 

Fazit: Fast alles ist erlaubt, um in deine Lesung einzusteigen. Sei also unbesorgt kreativ, wenn es dir beliebt.